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DIE "TOTEN" UMARMEN
Vincent van Gogh schreibt oft, er
wolle mit seinen Bildern Trost spenden.
Wer von uns braucht nicht Trost,
besonders wenn wir Sterben und Tod
eines lieben Menschen erfahren.
Dann suchen wir "Bilder", die uns
Hoffnung machen, die dem Antlitz
des Todes einen Sinn abringen.
Romanik und Gotik lassen uns im Motiv
der "Abnahme Jesu vom Kreuz" ahnen,
dass das Leben im Tod nicht aufhört,
sondern eingeht in eine neue Dimension.
In unserem Bild halten Maria und Josef
von Arimatäa Jesus in ihren Armen.
Johannes denkt intensiv nach.
Ihre großen Augen lassen erkennen,
dass sie anfangen zu "schauen".
Im Gesetz Israels stand der Satz:
"Die Sonne darf nicht über einem
Getöteten untergehen." Gemeint war:
Er muss vorher beerdigt werden.
Der Malermönch versteht dies neu:
Die Sonne wird nicht mehr untergehen
über Jesus. Deshalb leuchtet über ihm,
seiner Mutter und dem Lieblingsjünger
eine Sonnenscheibe im goldenen Glanz.
Über Josef von Arimatäa allerdings
strahlt noch kein Sonnenlicht auf.
Er setzt sich zwar für Jesus ein,
scheint aber zu zweifeln.
Maria spürt offenbar: Dieser Jesus
ist nicht tot, er lebt, ist angekommen
in der neuen Welt seines Vaters.
Deshalb fühlt sie sich Jesus nahe
wie nie zuvor in ihrem Leben.
Sie umarmt ihn, küsst ihn,
legt ihre Wange an seine Seite,
weiß sich ihm Aug in Auge gegenüber.
Das ist die Wahrheit unserer "Toten":
Sie sind uns nahe, wie es in diesem
Leben wohl nie möglich gewesen ist.
Durch den Tod Jesu ist der Tod getötet.
In Gott bleiben wir ewig verbunden.
Wir können unsere "Toten" umarmen.
Jesus,
der Tod ist voller Schrecken,
der Tod macht uns sprachlos,
der Tod nimmt uns das Liebste.
Doch du sagst zu Marta
am Grab des Lazarus:
"Wer an mich glaubt,
wird leben, auch wenn er stirbt.
Wer an mich glaubt -
nimmermehr stirbt er!
Glaubst du das?"
Jesus,
ich möchte mit Marta antworten:
"Ja, Herr, ich glaube dir."
Ich vertraue auf dein Wort.
Text: Theo Schmidkonz SJ
Bild: Kreuzabnahme, Evangeliar 12. Jh., Nonantola
© Rottenburger Kunstverlag VER SACRUM |